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Ist das Wechselmodell immer die beste Lösung?

von Dirk Vollmer | 01.09.2014

Wechselmodell | Residenzmodell | Nestmodell

Im Familienrecht beschreibt der Begriff Wechselmodell eine spezielle Form der Betreuung von Kindern bei getrennt lebenden und gemeinsam sorgeberechtigten Eltern. Beim Wechselmodell teilen sich die Kindeseltern die Betreuung in ganz besonderer Weise, und zwar wechseln sich beide Eltern periodisch ab. Das Kind wird also tage-, wochen- oder monatsweise abwechselnd im Haushalt des Vaters und der Mutter betreut. In der Theorie gibt es noch das Nestmodell als weitere Unterform – dort wohnt das Kind kontinuierlich in einer Wohnung und die Kindeseltern ziehen abwechselnd ein und aus. Diese Unterform hat, kaum verwunderlich, weder in Deutschland noch im Ausland größere Bedeutung erlangt.

Im Gegensatz dazu steht das weit verbreitete Residenzmodell, das dem Gesetzgeber bei der letzten Reform des Kindschaftsrechts 1998 als Leitbild gedient hatte. Beim Residenzmodell ist – entweder durch Elternvereinbarung oder durch Entscheidung des Familiengerichts in Form der Übertragung des Aufenthaltsbestimmungsrechts – festgelegt, wo das Kind seinen Lebensmittelpunkt hat, d.h. bei welchem Elternteil der überwiegende Aufenthalt ist (sog. Betreuungselternteil) und welcher Elternteil „nur“ umgangsberechtigt ist (sog. Umgangselternteil). Der Umgangselternteil betreut das Kind während der Umgangszeit.

Wofür sind diese Unterscheidungen wichtig?

Diese Unterscheidungen haben z.B. Bedeutung für die Befugnisse der Eltern und sehr große Bedeutung für den Kindesunterhalt bzw. für die Art und Weise, in der der jeweilige Elternteil seine Unterhaltspflicht gegenüber dem Kind zu erfüllen hat. Beim Residenzmodell beispielsweise trifft den Umgangselternteil, also den nicht mit dem Kind in einem Haushalt wohnenden Elternteil, die Pflicht zum Barunterhalt, während der Betreuungselternteil seiner Unterhaltspflicht durch Betreuung und Versorgung, also in natura, erfüllt (Naturalunterhalt).

Nach den Vorgaben des Gesetzgebers sind Naturalunterhalt und Barunterhalt stets gleichwertig, vgl. § 1606 Abs.3 Satz 2 BGB. „Der Elternteil, der ein minderjähriges unverheiratetes Kind betreut, erfüllt seine Verpflichtung, zum Unterhalt des Kindes beizutragen, in der Regel durch die Pflege und die Erziehung des Kindes.“ Unterhaltsrechtlich sind also, stark vereinfacht bzw. in Klischees ausgedrückt, die Rollen der „alleinerziehenden Mutter“ und des „Zahlvaters“ gleich. Das kann als ungerecht empfunden werden, je mehr der barunterhaltspflichtige Elternteil am Leben des Kindes teilnehmen möchte und das Kind auch tatsächlich durch ihn betreut wird. Schließlich entlastet dieser Elternteil effektiv den anderen Elternteil. Dennoch hält der Bundesgerichtshof an der strikten Einteilung fest solange der Barunterhaltspflichtige nicht überwiegend das Kind betreut. Ist sein Anteil aber dauerhaft höher als der des anderen Elternteils, kommt es zu einer Umkehr mit erheblichen Konsequenzen für die beiden Haushaltskassen.

Man kann sich vorstellen, dass diese finanziellen Folgen häufig Grund genug sind, um über das Aufenthaltsbestimmungsrecht und Umgangsrecht zu streiten. Die Leidtragenden dieser Problematik und darauf basierender Streitigkeiten/Verfahren sind die Kinder. Diese Verteilung der Unterhaltslast steht teilweise im Widerspruch zur Berufswirklichkeit (beide Elternteile berufstätig) und verträgt sich auch nicht mit dem Bild eines modernen Familienrechts, das die Belange des Kindes in den Vordergrund stellt (Kindeswohlprinzip, vgl. u.a. § 1697 a BGB). Betreuung kann man schließlich nicht allein messen anhand der Zeit, die das Kind einem Elternteil verbringt. Beide Elternteile mögen zwar in unterschiedlicher Weise betreuen – das ändert jedoch nichts daran, dass jedes Kind (trotz Trennung seiner Eltern) das Recht hat, mit beiden Elternteilen in intensivem Kontakt zu bleiben, sieht man mal von krassen Ausnahmen ab, in denen zum Schutz des Kindes das Umgangsrecht eines Elternteils eingeschränkt werden muss.

Ist dann das Wechselmodell nicht grundsätzlich besser?

Es scheint so, als könnte die Betreuungsform des Wechselmodells in vielen Fällen besser passen zu den Wünschen und Erwartungen. Manche sehen das Wechselmodell bereits als neues Leitbild. Die Euphorie wird indessen gedämpft durch die Lebenswirklichkeit. Denn: Ein Wechselmodell kann nur funktionieren und dem Kindeswohl entsprechen,

– wenn die Eltern (trotz der Trennung) gut miteinander kommunizieren und kooperieren können

– wenn die Kinder die Tagesbetreuungsstätte bzw. Schule von beiden Elternteilen aus gut erreichen können

– wenn die Kinder im richtigen Alter sind, also weder zu jung (Kleinkinder scheiden wohl aus) noch zu alt (Freizeitplanung, schulische Belastung, Pubertät, Ablehnung des Wechselmodells)

– wenn die Eltern den finanziellen und organisatorischen Mehraufwand stemmen können

– usw.

Die Kinderrechtekommission des Deutschen Familiengerichtstags e.V. Brühl hat unlängst herausgearbeitet, dass das Wechselmodell am besten funktionieren dürfte bei „Mittelklassefamilien im Großstadtbereich“ mit Kindern „zwischen 3 und 12 Jahren“ (vgl. „Das Wechselmodell im deutschen Familienrecht“, FamRZ 2014, 1157 ff.). Das hört sich nicht nach einem neuen Leitbild für den Gesetzgeber an.

Was beim Wechselmodell mit dem Unterhaltsanspruch des minderjährigen Kindes passiert (Berechnungsweise, Geltendmachung, usw.) ist in der juristischen Diskussion heftig umstritten. Bei fehlender Einigungsbereitschaft der Kindeseltern beim Kindesunterhalt wäre schon aus diesem Grund davon abzuraten, dass Wechselmodell ernsthaft in Betracht zu ziehen. In den meisten Fällen wird das Residenzmodell schlicht praktikabler sein.

Der dogmatische Ansatz beim Wechselmodell, den mitsorgeberechtigten Umgangselternteil möglichst ab Beginn des Getrenntlebens in die Erziehung/Betreuung/Versorgung einzubinden, ist völlig richtig. Dessen Umfang der Betreuung kann durchaus variieren, deshalb sollten Umgangsvereinbarungen und familiengerichtliche Umgangsregelungen auch nicht missverstanden werden als Obergrenze für die Umgangszeiten.

Generell wünschenswert sind vor diesem Hintergrund mehr (anwaltlich begleitete) Trennungsvereinbarungen bzw. Trennungs- und Scheidungsfolgenvereinbarungen der Eltern. Diese bieten eine echte Chance, den rechtlichen Zusammenhang zwischen dem Kindschaftsrecht und dem Unterhaltsrecht fair auszugestalten.

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Dirk Vollmer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Familienrecht

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