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Kind hat eigenen Anspruch auf Reiseentschädigung

von Dirk Vollmer | 01.02.2013

Wenn bei einer Familien-Pauschalreise etwas schief geht, stellt sich die Frage nach der richtigen Reiseentschädigung.

Folgender Fall:

2009 reiste eine Mutter mit ihrem fünfjährigen Sohn nach Ägypten. Ein schöner Cluburlaub sollte es werden, mit Wellness, Tauchen, Bogenschießen und allem Pipapo. Die 10 Tage Urlaubsfreuden kosteten ja immerhin stolze 2.329 €.

Was die beiden dann aber vor Ort erwartete, war weniger erfreulich: Die Ferienanlage war eine lärmende Großbaustelle, die alle Bereiche der Hotelanlage erfasste sogar den Hotelstrand. Wellness-Center? Im Rohbau. Tauchbasis und Bogenschießen? Fehlanzeige. Pool? Nur halbwegs fertig, ausgerechnet der Kinderpool noch nicht. Auf dem Zimmer funktionierte das Telefon nicht, durch die Klimaanlage kam Treibstoffgeruch…

Die Mutter handelte völlig richtig: Sie beanstandete die Mängel vor Ort und zog, nachdem der Veranstalter keine Abhilfe schaffen konnte oder wollte, die einzig richtige Konsequenz: Sie reise mit ihrem Sohn vorzeitig ab.

Der Reiseveranstalter hatte für die teilweise anerkannten Leistungseinschränkungen (namentlich „geringfügige Restfertigstellungsarbeiten“) fehlenden Wellness- und Fitnessbereich und fehlende Tauchbasis eine lapidare Minderung von 15 % zugebilligt. Die Mutter ging vor Gericht – mit Erfolg.

Die Richter (LG Frankfurt a. M., Urteil vom 06.01.2011, Az. 2-24 S 61/10) hielten eine Minderung von 65 % für angemessen wegen der erheblichen Beeinträchtigungen. Das Amtsgericht hatte in erster Instanz noch weiter differenziert nach Art der Reisemängel – und berechnete quasi für die Kinder-Reisemängel (Kinderpool) eine Minderung des Reisepreises für den Sohn. Das Landgericht hielt hingegen eine generalisierende Betrachtungsweise für richtig und berechnete die Minderung aus dem vollen Reisepreis. Begründung:

Hinsichtlich des Kinderpools ist nämlich auch zu berücksichtigen, dass sich das Fehlen desselben auch auf die Reise der Klägerin ausgewirkt hat. Ein spezieller Kinderpool wirkt sich nämlich günstiger auf den Betreuungs- und Überwachungsaufwand aus.

Kurz: wenn‘s dem Kind schlecht geht, hat die Mutter auch keinen Spaß.

Juristisch gesehen ist hinsichtlich der Berechnung der Reiseentschädigung gemäß § 651 f Abs. 2 BGB auf den Reisepreis des einzelnen Reisenden abzustellen, der die Entschädigung geltend macht. Bei Kleinkindern bis zu 2 oder 3 Jahren, die einen Urlaub nicht bewusst als solchen wahrnehmen, wird ein entsprechender Entschädigungsanspruch nicht zuzubilligen sein. Bei einem fünfjährigen Kind aber, so betonten es auch die Richter in diesem Fall, sei„davon auszugehen, dass es einen Urlaub in einer Clubanlage in einem fremden Land bewusst wahrnimmt“. Auszug aus der Urteilsbegründung:

Für ein Kind in diesem Alter ist ein Urlaub etwas Besonderes. Es gibt für das Kind nämlich normalerweise keinen Alltagsstress, es gibt besondere Sachen zu essen und es hat die Möglichkeit ausgedehnt zu spielen, insbesondere an einem Strand oder Pool.

Das klingt banal, aber die Feststellung ist richtig und entspricht auch der allgemeinen Lebenserfahrung …

Entscheidungen: LG Frankfurt a. M. (Urteil vom 06.01.2011, 2-24 S 61/10), Vorinstanz: AG Bad Homburg (Urteil vom 16.02.2010, 2 C 1943/09)

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