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Verwendung von Samples in der Musikproduktion | Urteil des Bundesverfassungsgerichts

von Dirk Vollmer | 31.05.2016

Produzenten von Hip Hop, House, Techno und vermutlich alle musikproduzierenden DJs verwenden Samples. Die Technik des Samplings gibt es theoretisch schon seit der Möglichkeit, Töne und Musik auf ein Medium aufzuzeichnen. Tatsächlich hat sich die Methode der Auswahl, Bearbeitung und veränderte Zusammenstellung von Klängen bzw. Musik zu einem neuen Musikstück erst in den neunziger Jahren ausgebreitet. Seit der Digitalisierung der Studiotechnik ist die Verwendung von Samples in der Musikproduktion nicht mehr wegzudenken.

In der Musik bezeichnet Sampling den Vorgang, einen Teil einer – bereits fertigen – Ton- oder Musikaufnahme (ein Sample; engl. für „Auswahl“, „Muster“, „Beispiel“, von lat. exemplum: „Abbild“, „Beispiel“, Sound Sample für „Klangprobe“) in einem neuen, häufig musikalischen Kontext zu verwenden. Dies geschieht heutzutage in der Regel mit einem Hardware- oder Software-Sampler, d. h., das ausgewählte Klangstück wird normalerweise digitalisiert und gespeichert, sodass es mit Audioprogrammen (z. B. mit einem Sequenzer) weiterverarbeitet werden kann (Quelle: Wikipedia, die freie Enzyklopädie).

Aber: Es gibt „Samples“ und „Samples“… Und es gibt das Recht auf freie Benutzung. § 24 Abs. 1 UrhG lautet: „Ein selbständiges Werk, das in freier Benutzung des Werkes eines anderen geschaffen worden ist, darf ohne Zustimmung des Urhebers des benutzten Werkes veröffentlicht und verwertet werden.“ Die Länge eines Samples ist beliebig. Theoretisch könnte man einen ganzen Song „auswählen“ und diesen als Sample wiedergeben. Das wäre natürlich nicht originell und die Rechteinhaber der ursprünglichen Aufnahme würden eine evidente Rechtsverletzung beklagen. Beim Sampling werden nicht nur Ausschnitte aus Musik gesampelt, sondern auch einzelne Töne oder Geräusche. In einem neuen Song zusammengestellt – nach klanglicher Veränderung – lässt sich die ursprüngliche Aufnahme kaum wiedererkennen. Allerdings empfanden wiederum manche Künstler bei einigen Stücken, in denen Samples verwendet wurden, gerade in der Wiederkennbarkeit („a-ha“-Effekt) von Samples besonderen Reiz.

Wer urheberrechtlich geschützte Tonaufnahmen ganz oder teilweise zur Produktion neuer Musik verwenden will und diese später veröffentlichen und vermarkten will, muss die Rechteinhaber der ursprünglichen Aufnahme um Zustimmung bitten. Dieser Grundsatz des deutschen Urheberrechts leuchtet eigentlich ein.

Aber gilt das auch für „Fetzen“, die zum Beispiel gerade mal 1 oder 2 Sekunden lang sind? Wo zieht man die Grenzlinie? Ist alles erlaubt bis zu dem Grad, ab dem der Zuhörer die ursprüngliche Aufnahme wiedererkennen kann (z.B. Teile einer Melodie oder bestimmte Klänge)? Welcher Zuhörer? Ein „durchschnittlicher Musikkonsument“, ein Profi oder gar ein Sachverständiger, der die Wellenform von Audiosignalen exakt nachmessen und vergleichen kann?

Genau um diese Grenzziehung ging es im Streit zwischen Moses Pelham (Verwender des Samples) und Kraftwerk (Rechteinhaber an der ursprünglichen Aufnahme von 1977), der 1999 mit der Klage vor dem Landgericht Hamburg und durch alle deutschen Gerichtsinstanzen ging. Zuletzt hatte der Bundesgerichtshof entschieden, dass das Leistungsschutzrecht verletzt worden ist, also Moses Pelham – mangels Zustimmung von Kraftwerk – das Sample nicht verwenden durfte (BGH, NJW 2009, 770 = GRUR 2009, 403 – Metall auf Metall I und GRUR 2013, 614 – Metall auf Metall II). 

Moses Pelham verteidigte sich und sein Genre sinngemäß: Was ich getan habe, kann nicht verboten sein. Es macht die ganze Branche. Kraftwerk konterte sinngemäß: Moses Pelham hätte unsere Zustimmung einholen müssen.

Das (vorerst) letzte Wort hat das Bundesverfassungsgericht, das heute (31.05.2016) seine Entscheidung im Verfassungsbeschwerdeverfahren verkündet hat:

Die Verwendung von Samples zur künstlerischen Gestaltung kann einen Eingriff in Urheber- und Leistungsschutzrechte rechtfertigen (Urteil vom 31. Mai 2016 – 1 BvR 1585/13)

Im Folgenden zitiert nach der Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts Nr. 29/2016 vom 31. Mai 2016:

[Beginn des Zitats]

Steht der künstlerischen Entfaltungsfreiheit ein Eingriff in das Tonträgerherstellerrecht gegenüber, der die Verwertungsmöglichkeiten nur geringfügig beschränkt, können die Verwertungsinteressen des Tonträgerherstellers zugunsten der Freiheit der künstlerischen Auseinandersetzung zurückzutreten haben.

Dies hat der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts mit heute verkündetem Urteil entschieden. Er hat damit einer Verfassungsbeschwerde stattgegeben, die sich gegen die fachgerichtliche Feststellung wendete, dass die Übernahme einer zweisekündigen Rhythmussequenz aus der Tonspur des Musikstücks „Metall auf Metall“ der Band „Kraftwerk“ in den Titel „Nur mir“ im Wege des sogenannten Sampling einen Eingriff in das Tonträgerherstellerrecht darstelle, der nicht durch das Recht auf freie Benutzung (§ 24 Abs. 1 UrhG) gerechtfertigt sei. Das vom Bundesgerichtshof für die Anwendbarkeit des § 24 Abs. 1 UrhG auf Eingriffe in das Tonträgerherstellerrecht eingeführte zusätzliche Kriterium der fehlenden gleichwertigen Nachspielbarkeit der übernommenen Sequenz ist nicht geeignet, einen verhältnismäßigen Ausgleich zwischen dem Interesse an einer ungehinderten künstlerischen Fortentwicklung und den Eigentumsinteressen der Tonträgerproduzenten herzustellen.

Sachverhalt:

Die Verfassungsbeschwerde betrifft die Frage, inwieweit sich Musikschaffende bei der Übernahme von Ausschnitten aus fremden Tonträgern im Wege des sogenannten Sampling gegenüber leistungsschutzrechtlichen Ansprüchen der Tonträgerhersteller auf die Kunstfreiheit berufen können.

Auf die Pressemitteilung Nr. 77/2015 vom 28. Oktober 2015 wird ergänzend verwiesen.

Wesentliche Erwägungen des Senats:

Die angegriffenen Entscheidungen verletzen drei der insgesamt zwölf Beschwerdeführer in ihrer Freiheit der künstlerischen Betätigung (Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG).

1. Die den angegriffenen Urteilen zugrunde gelegten gesetzlichen Vorschriften über das Tonträgerherstellerrecht (§ 85 Abs. 1 Satz 1 UrhG) und das Recht auf freie Benutzung (§ 24 Abs. 1 UrhG) sind mit der Kunstfreiheit aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG und dem Eigentumsschutz aus Art. 14 Abs. 1 GG vereinbar. Sie geben den mit ihrer Auslegung und Anwendung betrauten Gerichten hinreichende Spielräume, um zu einer der Verfassung entsprechenden Zuordnung der künstlerischen Betätigungsfreiheit einerseits und des eigentumsrechtlichen Schutzes des Tonträgerherstellers andererseits zu gelangen. Die grundsätzliche Anerkennung eines Leistungsschutzrechts zugunsten des Tonträgerherstellers, das den Schutz seiner wirtschaftlichen, organisatorischen und technischen Leistung zum Gegenstand hat, ist auch mit Blick auf die Beschränkung der künstlerischen Betätigungsfreiheit verfassungsrechtlich unbedenklich. Umgekehrt führt allein die Möglichkeit von Künstlerinnen und Künstlern, sich unter näher bestimmten Umständen auf ein Recht auf freie Benutzung von Tonträgern zu berufen, nicht schon grundsätzlich zu einer unverhältnismäßigen Beschränkung des durch Art. 14 Abs. 1 GG geschützten Kerns des Tonträgerherstellerrechts.

Mit den Anforderungen des Art. 14 Abs. 1 GG vereinbar ist auch, dass § 24 Abs. 1 UrhG durch den Verzicht auf eine entsprechende Vergütungsregelung auch das Verwertungsrecht der Urheber oder Tonträgerhersteller beschränkt. Die Entscheidung des Gesetzgebers, die enge Ausnahmeregelung nicht durch eine Vergütungspflicht zu ergänzen, die den Urheber oder Tonträgerhersteller an den Einnahmen teilhaben ließe, die im Rahmen der freien Benutzung seines Werks oder Tonträgers erst in Verbindung mit der schöpferischen Leistung eines anderen entstehen könnten, hält sich in den Grenzen des dem Gesetzgeber zustehenden Gestaltungsspielraums. Dem Gesetzgeber wäre es allerdings zur Stärkung der Verwertungsinteressen nicht von vornherein verwehrt, das Recht auf freie Benutzung mit einer Pflicht zur Zahlung einer angemessenen Vergütung zu verknüpfen. Hierbei könnte er der Kunstfreiheit beispielsweise durch nachlaufende, an den kommerziellen Erfolg eines neuen Werks anknüpfende Vergütungspflichten Rechnung tragen.

2. Dagegen verletzen die angegriffenen Entscheidungen die beiden Komponisten und die Musikproduktionsgesellschaft des Titels „Nur mir“ in ihrer durch Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG garantierten Freiheit der künstlerischen Betätigung.

a) Die Zivilgerichte haben bei der Auslegung und Anwendung des Urheberrechts die im Gesetz zum Ausdruck kommende Interessenabwägung zwischen dem Eigentumsschutz der Tonträgerhersteller und den damit konkurrierenden Grundrechtspositionen nachzuvollziehen und dabei unverhältnismäßige Grundrechtsbeschränkungen zu vermeiden. Die Schwelle eines Verstoßes gegen Verfassungsrecht, den das Bundesverfassungsgericht zu korrigieren hat, ist erst dann erreicht, wenn die Auslegung der Zivilgerichte Fehler erkennen lässt, die auch in ihrer materiellen Bedeutung für den konkreten Rechtsfall von einigem Gewicht sind.

b) Bei der rechtlichen Bewertung der Nutzung von urheberrechtlich geschützten Werken steht dem Interesse der Urheberrechtsinhaber, die Ausbeutung ihrer Werke zu fremden kommerziellen Zwecken ohne Genehmigung zu verhindern, das durch die Kunstfreiheit geschützte Interesse anderer Künstler gegenüber, ohne finanzielle Risiken oder inhaltliche Beschränkungen in einen Schaffensprozess im künstlerischen Dialog mit vorhandenen Werken treten zu können. Steht der künstlerischen Entfaltungsfreiheit ein Eingriff in die Urheberrechte gegenüber, der die Verwertungsmöglichkeiten nur geringfügig beschränkt, so können die Verwertungsinteressen der Urheberrechtsinhaber zugunsten der Freiheit der künstlerischen Auseinandersetzung zurückzutreten haben. Diese Grund­sätze gelten auch für die Nutzung von nach § 85 Abs. 1 Satz 1 UrhG geschützten Tonträgern zu künstlerischen Zwecken.

c) Die Annahme des Bundesgerichtshofs, die Übernahme selbst kleinster Tonsequenzen stelle einen unzulässigen Eingriff in das Tonträgerherstellerrecht der Kläger dar, soweit der übernommene Ausschnitt gleichwertig nachspielbar sei, trägt der Kunstfreiheit nicht hinreichend Rechnung. Wenn der Musikschaffende, der unter Einsatz von Samples ein neues Werk schaffen will, nicht völlig auf die Einbeziehung des Sample in das neue Musikstück verzichten will, stellt ihn die enge Auslegung der freien Benutzung durch den Bundesgerichtshof vor die Alternative, sich entweder um eine Samplelizenzierung durch den Tonträgerhersteller zu bemühen oder das Sample selbst nachzuspielen. In beiden Fällen würden jedoch die künstlerische Betätigungsfreiheit und damit auch die kulturelle Fortentwicklung eingeschränkt.

Der Verweis auf die Lizenzierungsmöglichkeit bietet keinen gleichwertigen Schutz der künstlerischen Betätigungsfreiheit: Auf die Einräumung einer Lizenz zur Übernahme des Sample besteht kein Anspruch; sie kann von dem Tonträgerhersteller aufgrund seines Verfügungsrechts ohne Angabe von Gründen und ungeachtet der Bereitschaft zur Zahlung eines Entgelts für die Lizenzierung verweigert werden. Für die Übernahme kann der Tonträgerhersteller die Zahlung einer Lizenzgebühr verlangen, deren Höhe er frei festsetzen kann. Besonders schwierig gestaltet sich der Prozess der Rechteeinräumung bei Werken, die viele verschiedene Samples benutzen und diese collagenartig zusammenstellen. Die Existenz von Sampledatenbanken sowie von Dienstleistern, die Musikschaffende beim Sampleclearing unterstützen, beseitigen diese Schwierigkeiten nur teilweise und unzureichend.

Das eigene Nachspielen von Klängen stellt ebenfalls keinen gleichwertigen Ersatz dar. Der Einsatz von Samples ist eines der stilprägenden Elemente des Hip-Hop. Die erforderliche kunstspezifische Betrachtung verlangt, diese genrespezifischen Aspekte nicht unberücksichtigt zu lassen. Hinzu kommt, dass sich das eigene Nachspielen eines Sample als sehr aufwendig gestalten kann und die Beurteilung der gleichwertigen Nachspielbarkeit für die Kunstschaffenden zu erheblicher Unsicherheit führt.

d) Diesen Beschränkungen der künstlerischen Betätigungsfreiheit steht hier bei einer erlaubnisfreien Zulässigkeit des Sampling nur ein geringfügiger Eingriff in das Tonträgerherstellerrecht der Kläger ohne erhebliche wirtschaftliche Nachteile gegenüber. Eine Gefahr von Absatzrückgängen für die Kläger des Ausgangsverfahrens durch die Übernahme der Sequenz in die beiden streitgegenständlichen Versionen des Titels „Nur mir“ ist nicht ersichtlich. Eine solche Gefahr könnte im Einzelfall allenfalls dann entstehen, wenn das neu geschaffene Werk eine so große Nähe zu dem Tonträger mit der Originalsequenz aufwiese, dass realistischerweise davon auszugehen wäre, dass das neue Werk mit dem ursprünglichen Tonträger in Konkurrenz treten werde. Dabei sind der künstlerische und zeitliche Abstand zum Ursprungswerk, die Signifikanz der entlehnten Sequenz, die wirtschaftliche Bedeutung des Schadens für den Urheber des Ausgangswerks sowie dessen Bekanntheit einzubeziehen. Allein der Umstand, dass § 24 Abs. 1 UrhG dem Tonträgerhersteller die Möglichkeit einer Lizenzeinnahme nimmt, bewirkt ebenfalls nicht ohne weiteres – und insbesondere nicht im vorliegenden Fall – einen erheblichen wirtschaftlichen Nachteil des Tonträgerherstellers. Der Schutz kleiner und kleinster Teile durch ein Leistungsschutzrecht, das im Zeitablauf die Nutzung des kulturellen Bestandes weiter erschweren oder unmöglich machen könnte, ist jedenfalls von Verfassungs wegen nicht geboten.

e) Insoweit haben die Verwertungsinteressen der Tonträgerhersteller in der Abwägung mit den Nutzungsinteressen für eine künstlerische Betätigung zurückzutreten. Das vom Bundesgerichtshof für die Anwendbarkeit des § 24 Abs. 1 UrhG auf Eingriffe in das Tonträgerherstellerrecht eingeführte zusätzliche Kriterium der fehlenden gleichwertigen Nachspielbarkeit der übernommenen Sequenz ist nicht geeignet, einen verhältnismäßigen Ausgleich zwischen dem Interesse an einer ungehinderten künstlerischen Fortentwicklung und den Eigentumsinteressen der Tonträgerproduzenten herzustellen.

3. Der Bundesgerichtshof kann bei der erneuten Entscheidung die hinreichende Berücksichtigung der Kunstfreiheit im Rahmen einer entsprechenden Anwendung von § 24 Abs. 1 UrhG sicherstellen. Hierauf ist er aber nicht beschränkt. Eine verfassungskonforme Rechtsanwendung, die hier und in vergleichbaren Konstellationen eine Nutzung von Tonaufnahmen zu Zwecken des Sampling ohne vorherige Lizenzierung erlaubt, könnte beispielsweise auch durch eine einschränkende Auslegung von § 85 Abs. 1 Satz 1 UrhG erreicht werden. Soweit Nutzungshandlungen ab dem 22. Dezember 2002, auf welche die Urheberrechtsrichtlinie der Europäischen Union anwendbar ist, betroffen sind, hat der Bundesgerichtshof als zuständiges Fachgericht zunächst zu prüfen, inwieweit durch vorrangiges Unionsrecht noch Spielraum für die Anwendung des deutschen Rechts bleibt. Erweist sich das europäische Richtlinienrecht als abschließend, ist der Bundesgerichtshof verpflichtet, effektiven Grundrechtsschutz zu gewährleisten, indem er die Richtlinienbestimmungen mit den europäischen Grundrechten konform auslegt und bei Zweifeln über die Auslegung oder Gültigkeit der Urheberrechtsrichtlinie das Verfahren dem Gerichtshof der Europäischen Union gemäß Art. 267 AEUV vorlegt. Das Bundesverfassungsgericht überprüft, ob das Fachgericht drohende Grundrechtsverletzungen auf diese Weise abgewehrt hat und ob der unabdingbare grundrechtliche Mindeststandard des Grundgesetzes gewahrt ist.

(Ende des Zitats)

 

Fazit:

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ist eine kleine Revolution. Die Verfassungsbeschwerde(n) verfolgten zwar nicht das Ziel, einer ganzen Branche die generelle Erlaubnis für die vergütungsfreie und zustimmungslose Verwendung sämtlicher Samples aus allen Quellen zu erteilen. Derartige Interpretationen wären völlig neben der Sache. Das Gericht bestätigt aber die Haltung von Moses Pelham: In bestimmtem Umfang muss aus Gründen der Freiheit der Kunstausübung die Benutzung von Samples tatsächlich völlig frei sein, also auch ohne Zustimmung des Rechteinhabers erfolgen können (und ohne Vergütung bzw. gar Schadenersatz). Jedenfalls ist ein so starker Schutz von kleinsten Soundfetzen, der den Künstler bei jedem Schnipsel vor die Wahl stellt, sich entweder um eine Lizenz zu kümmern oder es nachzuproduzieren, verfassungsrechtlich nicht geboten.

Der Kern der Entscheidung: Das Bundesverfassungsgericht beanstandet, dass der Bundesgerichtshof als oberstes Zivilgericht die Vorschriften des Urheberrechtsgesetzes unrichtig angewendet hat und angeblich keinen Spielraum sah für eine anders lautende Entscheidung. Das vom Bundesgerichtshof eingeführte zusätzliche Kriterium der „fehlenden gleichwertigen Nachspielbarkeit der übernommenen Sequenz“ sei nicht geeignet, einen verhältnismäßigen Ausgleich zwischen dem Interesse an einer ungehinderten künstlerischen Fortentwicklung und den Eigentumsinteressen der Tonträgerproduzenten herzustellen. Andere Lösungswege ständen zur Verfügung. Nach der Normenhierarchie in Deutschland steht Verfassungsrecht (damit die Kunstfreiheit in Art. 5 GG) über dem Bundesrecht (UrhG) und in Einzelfällen ist es aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht nur erlaubt sondern geboten, die Regelungen des Bundesgesetzgebers einschränkend oder ausweitend zu interpretieren. Das ist z.B. angesprochen mit dem Hinweis, eine „verfassungskonforme Rechtsanwendung, die hier und in vergleichbaren Konstellationen eine Nutzung von Tonaufnahmen zu Zwecken des Sampling ohne vorherige Lizenzierung erlaubt, könnte beispielsweise auch durch eine einschränkende Auslegung von § 85 Abs. 1 Satz 1 UrhG erreicht werden“. Das Bundesverfassungsgericht hat das Urteil des BGH aufgehoben (§ 95 Abs.2 BVerfGG).

Im Ergebnis kommt es aber weiterhin darauf an, ob im Einzelfall (!) die Grenzen der freien Benutzung gewahrt sind. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ist also nur ein Auszug aus dem in Deutschland anwendbaren Urheberrecht (UrhG und europäische Rechtsakte) – quasi nur ein Sample. Die weitere Ausgestaltung, d.h. die Entwicklung geeigneter Abgrenzungskriterien, obliegt nun wiederum der Zivilgerichtsbarkeit, also den Landgerichten, Oberlandesgerichten – und auch dem Bundesgerichtshof. Dieser hatte erst in 2015 die Zulässigkeit der Einbindung von Samples, d.h. Originaltönen und -tonfolgen, in eine andere Komposition, behandelt (Urteil vom 16.04.2015 – I ZR 225/12 (OLG Hamburg), GRUR 2015, 1189 – „Goldrapper“) und entschieden:

Bei Musikstücken liegt die für die Annahme eines urheberrechtlich geschützten Werks erforderliche schöpferische Eigentümlichkeit in ihrer individuellen ästhetischen Ausdruckskraft. Eine individuelle schutzfähige Leistung kann sich nicht nur aus der Melodie und dem Einsatz der musikalischen Ausdrucksmittel der Rhythmik, des Tempos, der Harmonik und des Arrangements ergeben, sondern auch aus der Art und Weise des Einsatzes der einzelnen Instrumente, also der Durchführung der Instrumentierung und Orchestrierung. Nicht dem Urheberrechtsschutz zugänglich ist demgegenüber das rein handwerkliche Schaffen unter Verwendung formaler Gestaltungselemente, die auf den Lehren von Harmonik, Rhythmik und Melodik beruhen oder die – wie Tonfolgen einfachster Art oder bekannte rhythmische Strukturen – sonst zum musikalischen Allgemeingut gehören.“

Für die Beurteilung der schöpferischen Eigentümlichkeit eines Musikstücks und die insoweit maßgebliche Abgrenzung von nicht dem Urheberrechtsschutz zugänglichem rein handwerklichem Schaffen unter Verwendung formaler Gestaltungselemente, die auf den Lehren von Harmonik, Rhythmik und Melodik beruhen oder die sonst zum musikalischen Allgemeingut gehören, reicht das bloße Anhören eines Tonträgers durch die Tatrichter grundsätzlich nicht aus; es wird vielmehr im Regelfall die Hilfe eines Sachverständigen unerlässlich sein.“

Die dortige Abgrenzung zu einem „nur“ handwerklichen Schaffen mutet merkwürdig an. Schließlich ist das urheberrechtlich geschützte Werk immer das Endprodukt vor allem „handwerklicher“ Schaffenskunst. Ich möchte meinen, ein großer Teil der künstlerischen Arbeit liegt gerade im kreativen Arbeiten mit den Geräten der Musikproduktion. Wer schon einmal in einem Tonstudio war und die Entstehung eines Musikwerks von Anfang an begleitet hat weiß, wie ärmlich sich eine Audioaufnahme (z.B. Gesang) „trocken“, also ohne jegliche Effekte bzw. Dynamik anhört.

Man darf gespannt sein, welche juristischen Abgrenzungskriterien sich letztlich durchsetzen werden. Rechtssicherheit und Beratungssicherheit wird es leider bis auf weiteres nicht geben. Wer nun fragt, ob er ein bestimmtes Sample verwenden darf oder nicht, würde heute wohl zur Antwort bekommen, dass die Verwendung von Samples „ein bisschen erlaubt ist“, es „aber immer auf den Einzelfall ankommt“.

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Dirk Vollmer

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