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Abfindungsrechner: Nützlich, belanglos, irreführend?

von Joachim Muth | 08.11.2018

Neulich stieß ich bei meinen Recherchen in einer Online-Datenbank auf den Begriff „Abfindungsrechner“. Das machte mich neugierig, denn ich konnte mir unter diesem Begriff nichts vorstellen. Im deutschen Recht werden Abfindungen in der Regel mit einem festen Betrag vereinbart oder richten sich nach § 1a KSchG. Aber selbst dann gibt es keine komplexen Rechenwege, die eines elektronischen Hilfsmittels bedürften. Also befragte ich die große Suchmaschine nach dem Begriff „Abfindungsrechner“ und fand unterschiedliches:

1. Der nützliche Abfindungsrechner

Die meisten Suchergebnisse verweisen dann aber doch auf ein Berechnungstool, das mir seither unbekannt gewesen ist. Es handelt sich um einen Nettolohnrechner, der die steuerliche Privilegierung des § 34 EStG einbezieht. Dabei handelt es sich um die so genannte Fünftelregelung. Diese privilegiert außerordentliche Einkünfte steuerlich. Durch diese Regelung werden beispielsweise Abfindungen bei der Ermittlung des Steuersatzes nur zu einem Fünftel einbezogen. Dieser Steuersatz wird dann auf die gesamten Einkünfte, also inklusive der ganzen Abfindung angewandt.

Wer sich vorab für sein exaktes Netto-Einkommen unter Berücksichtigung dieser steuerlichen Besonderheit interessiert, findet beispielsweise auf dem Online-Portal einer großen deutschen Tageszeitung einen nützlichen Abfindungsrechner.

2. Der belanglose Abfindungsrechner

Ich nehme es gleich vorweg: Dieses Tool hat keinen Mehrwert für den Anwender. Sein einziger Zweck besteht darin, Menschen, die sich mit der Beendigung eines Arbeitsverhältnisses beschäftigen (müssen) zum Abschluss eines Anwaltsvertrags zu verleiten. Es ist ein Werbeinstrument, das ausschließlich von Rechtsanwälten genutzt wird. Da heißt es beispielsweise auf der Homepage einer überregional tätigen Rechtsanwalts GmbH: Prüfen Sie jetzt einfach und unverbindlich Ihren Abfindungsanspruch – kostenlos und sicher. Danach sind einige Eckdaten in eine Maske einzutragen, man drückt auf einen Button mit der Aufschrift BERECHNEN und schon leuchtet

IHRE MÖGLICHE ABFINDUNG

in grünen Ziffern auf. Ganz klein sind die Buchstaben darüber, die die Wahrheit verraten: Die angezeigte Zahl ist vollkommen willkürlich. In der Realität ist die Abfindung vielleicht doppelt so groß, vielleicht können Sie auch gar keine erlangen. Das hängt von einer Menge Umstände ab, die niemand und schon gar kein Berechnungstool vorhersagen kann. Sicher ist da überhaupt nichts und die Farbe Grün drückt möglicherweise einfach die Hoffnung aus, die man haben darf.

Meine Meinung: Ein solcher Abfindungsrechner führt den Rechtssuchenden tendenziell in die Irre und ist in jedem Fall belanglos. Denn die da hinter stehende und an § 1a KSchG angelehnte Formel:

0,5 Bruttomonatsgehalt x Anzahl der Betriebszugehörigkeitsjahre

= IHRE MÖGLICHE ABFINDUNG

kann man gerade noch im Kopf rechnen. Da benötigt niemand anwaltlichen Rat!

3.  Der Abfindungsrechner von der günstiger-als-jeder-Anwalt-Firma

Und dann bin ich noch auf ein Unternehmen aus dem Bereich der Legal Technology gestoßen. Sie haben das unter Nummer 2 beschriebene Modell noch etwas verfeinert: Die Berechnung findet ebenfalls nach der oben genannten Formel statt. Aber Sie erhalten das Ergebnis erst, wenn Sie Ihre E-Mail-Adresse und Ihre Telefonnummer angegeben haben. Ziemlich schnell erhalten Sie dann eine E-Mail mit dem Betrag und der Antwort auf die noch gar nicht gestellte Frage: Wie geht es weiter? Die E-Mail beinhaltet einen Link zu einer Vollmachtsurkunde, die zu unterschreiben ist, damit die Vertragsanwälte Ihren Fall abschließend prüfen und bearbeiten können. Erst wenn man die ebenfalls verlinkten Nutzungsbedingungen genau studiert, merkt man: Das Unternehmen kauft dem Arbeitnehmer seine Abfindung einfach ab. Der Kaufpreis beträgt (laut den Nutzungsbedingungen) in der Regel 60 – 80 % der von dem Unternehmen zuvor errechneten Abfindungssumme.

Mit diesem Geschäftsmodell und seinen Werbeversprechen hat das Unternehmen allerhand Ärger bekommen: Insbesondere hat der Anwaltsverein Bielefeld e. V. ihm schon so einiges gerichtlich untersagen lassen. Lesen Sie hier einen Bericht zu dem Gerichtsverfahren aus der Legal Tribune Online und entscheiden Sie selbst, ob Sie sich einem solchen Unternehmen anvertrauen möchten.

Joachim Muth, Fachanwalt für Arbeitsrecht

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